Fischer, Evelyn

"Die Gedanken sind frei"

Das Volkslied "Die Gedanken sind frei" offenbart eine für alle totalitären Staaten beunruhigende Wahrheit. Die Leipzigerin Evelyn Fischer hat die Unerwünschtheit eben dieses Volksliedes in der DDR erlebt und die damit verbundene kulturelle Gehirnwäsche als Ungeheuerlichkeit empfunden. Das Titellied ihres zweiten deutschsprachigen Tonträgers ist tiefer Ausdruck ihrer Geisteshaltung und liefert dem spannenden Projekt gleichzeitig einen künstlerischen Leitfaden. Evelyn Fischer widmet sich der deutschen Volksliedtradition und das in spannungsvoll-anarchistischer Weise. Da erklingen fröhliche Lieder wie "Kuckuck und Jägersmann (Auf einem Baum ein Kuckuck)" im pulsierenden Samba-Rhythmus und das mittelalterliche Minnelied "All mein Gedanken" aus dem Lochamer Liederbuch (1460) kommt als sanfte Rumba daher. Jazz, Pop, Folk, Klassik verbinden sich mit jahrhunderte alter Volksliedtradition.

Evelyn Fischer begibt sich damit auf eine lang ersehnte musikalische Reise, denn sie liebt unsere Muttersprache in ihrer romantisch-lyrischen Kraft. Sie empfindet darin eine emotionale Stärke, die speziell in Volksliedern in aller Direktheit zum Ausdruck kommt, ihnen Zeitlosigkeit verleiht. Und nicht nur das. Schon der Übervater der deutschen Volksliedforschung Johann Gottfried Herder (1744-1803) sah in Volksliedern eine Art nationale Grammatik der Völkerverständigung: "(...) andern Nationen gäben sie hiermit die lebendigste Grammatik, das beste Wörterbuch und Naturgeschichte ihres Volkes in die Hände“. Was liegt also näher, als dem europäischen Kulturreigen tradiertes und modern produziertes deutsches Liedgut hinzuzufügen.

"Es klingt vielleicht etwas seltsam, aber die Idee zu diesem Album kam mir über meinen Sohn, der bis jetzt sowohl im Kindergarten als auch in der Schule mit unseren Volksliedern kaum in Berührung kam", erzählt die Sängerin und Musikprofessorin für Gesang und Methodik an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" in Leipzig, die schon Gesangstars wie Yvonne Catterfeld unterrichtete. "Das hat mich geärgert. Ich halte das kulturell gesehen für fragwürdig. Denn wenn echte Volkslieder nicht mehr gesungen, zitiert, geschweige denn gepflegt werden, verlieren sie auf Dauer in einer zunehmend medialen Welt ihre Existenzberechtigung. Es kann und darf nicht sein, dass ein wichtiger Teil unserer kulturellen Identität aus mannigfaltigen Gründen einfach begraben wird."
Einfach hatte es Evelyn Fischer nicht mit ihrer Idee, ihren poppig-jazzigen Sound mit Volksliedern zu verbinden. Ehemann und Produzent René Möckel konnte sich zuerst nichts darunter vorstellen, war etwas ratlos. Doch steter Tropfen höhlt den Stein und nachdem eine aus Gag aufgenommene Version des Liedes "Kuckuck und Jägersmann (Auf einem Baum ein Kuckuck)" alle Zweifel locker wegwischte, ging es frisch ans Werk. Zusammen mit dem bewährten Team des vorhergehenden Albums "Zurückgekommen" um die Topp-Gitarristen Joachim Schönecker und Werner Neumann, dem bekannten Schlagzeuger Heiko Jung, der sich von der Klassik zum Jazz in jeder Musikrichtung zu Hause fühlt und dem ebenso virtuosen Bassisten und Kontrabassisten Tom Götze wurde ein stimmiges Konzept entwickelt.

Hinzu kamen Gastmusiker wie Dirk Wasmund an der Whistle, Frank Novicky an Flöte und Saxophon oder Benjamin Richter, der auf "Innsbruck, ich muss dich lassen" den Bass gespielt hat. Als I-Tüpfelchen wurden für das mittelalterliche Volkslied sogar Mitglieder des Leipziger Thomaner Chores engagiert. Ergebnis ist eine wunderbar atmosphärische Aufnahme dieses weltbekannten Liedes, die von der Mischung aus Evelyns einfühlsamen Timbre, dem intimen Jazzsound und dem klassisch gesetzten Chorsatz lebt.

Dass Volkslieder und Popmusik keine Gegensätze sind, beweist der Titel "Das zerbrochene Ringlein (In einem kühlen Grunde)", dessen Text von dem Romantiker Joseph von Eichendorff stammt. Eine poppige Instrumentierung mit Folkeinflüssen und vor allem die interessante Gesangstechnik – Evelyn singt mit sich selbst um die Wette – stellen das Lied eindeutig unter Hitverdacht. Gute Stimmung macht auch das durch und durch swingende "Horch, was kommt von draußen rein". Mit einem angetrunkenen männlichen Backgroundchor wird der frivolen Kneipenstimmung des Studentenliedes aus der badischen Pfalz zu neuem Leben verholfen. Im prägnanten Gegensatz dazu steht das traurige, düstere "Dunkle Wolken", das aus einer Liederhandschrift des Pater Werlin vom Kloster Seeon (1646) stammt. Im dreißigjährigen Krieg entstanden, gibt das Lied die unheilvolle Stimmung jener Zeit wieder. Musikalisch herausragend die einfühlsame Trompetenimprovisation von Matthias Bergmann.

"Die Gedanken sind frei" liefert eine so nie da gewesene Mischung aus musikalischer Erneuerung und Tradition. Ein musikalisches Spannungsfeld wird aufgebaut und mit der außergewöhnlichen Stimme Evelyn Fischers zusammengeführt. Das Resultat ist ein bedeutendes Album, das in seiner Einzigartigkeit aus dem Formateinerlei heraus fällt und gerade darum auf ganzer Linie überzeugt – denn das Fazit zündet wie der Beginn: "Die Gedanken sind frei"!

Quelle: Koch Universal Music