Cornelius, Peter

Die Siebziger
Es gab die Zeit, als in Österreich so etwas wie eine Szene für lokale Popmusik erwachte. Lang ist es her. Die Sechziger Jahre hatten ihre Flower-Power-Blüten verloren und in den Siebzigern wurde alles noch schriller. Rundfunkmonopol, letzter westlicher Brückenkopf vor dem eisernen Vorhang, den Blues im Kopf und die deutsche Sprache im Text: Popmusik made in Austria anno 1973. Ein Biotop, in dem eine landesspezifische Musikmischung entstand, die in Eva Maria Kaiser ihren Radiokatalysator wieder-fand. Was über den Sender Ö3 landesweit On Air ging, kannte tags darauf die ganze Nation. Auch "Die Wolk''n" ereilte dieses Schicksal und mit ihr Peter Cornelius. Erste Erfahrungen mit einer Industrie wur-den gemacht, die sich in einer langen Karriere irgendwann mir persönlichen Vorstellungen des Musik-machens rieben.

Die Achtziger
Die kleine rot-weiss-rote Spielwiese wurde dem Songschreiber Cornelius bald zu eng. Limitierte, der österreichischen Marktgröße angepasste Produktions-Budgets erlaubten nur den Aufstieg in die Be-zirksliga. Im internationalen Musikgeschäft, in der Bundesliga, waren andere Größenordnungen die Norm. 1979 galt es für Peter Cornelius herauszufinden, wie es sich anfühlt, wenn man in der Bundesli-ga antritt. Der Schritt über die Grenze war der Schritt in eine andere Welt. Vorerst als Grenzgänger, später beim deutschen Nachbarn in München fix heimisch, entstanden zwischen 1979 und 1988 eine Menge Songs, die tatsächlich in der Oberliga reüssierten. Im Klartext heißt das: Der Mann hat Platten verkauft. Und nicht wenige! 1982 fanden sich in den deutschen Charts zwei Singles ("Du entschuldige i kenn di" / "Reif für die Insel") und zwei Longplays ("Zwei" / "Reif für die Insel") gleichzeitig. Als Produ-zent stand ihm in Deutschland von Anfang an Michael Cretu zur Seite. Produzent, Nachbar, Freund. Cornelius schrieb Songs, diese entwickelten sich zu Hits, zogen die Spirale des Big Business im dritt-größten Plattenmarkt der Welt nach sich, um schlussendlich auf Compilations und Greatest Hits-Alben zwischengelagert zu werden. Man muss der Mensch dazu sein, um mit den großen Rädern, die in der Unterhaltungsindustrie gedreht werden, zurechtzukommen. Peter Cornelius ist das nur bedingt. Wenn er einen Text schreibt und singt, worin zum Ausdruck gebracht wird, dass er sich "Reif für die Insel" fühlt, dann sprach der damit zwar vielen Menschen aus der Seele, aber im Grunde hat er doch in erster Linie sich selbst gemeint. Songs schreiben, Platten aufnehmen, Promotiontermine wahrnehmen, Tour-neen mit jeder Menge Hotelzimmer, die irgendwie alle gleich aussehen, dazwischen künstlerische Auf-fassungsunterschiede mit Rechtevermarktern aufarbeiten - und das über einen Zeitraum von vielen Jahren. Da dreht sich ein Werkel im Kopf, das wenig Freiraum lässt - notwendigen Freiraum zur Be-schäftigung mit andern Dingen. Nie Zeit den Erfolg zu genießen, zu leben, ihn wahrzunehmen. Irgend-wann kommt dann der Zeitpunkt, wo es klick macht. Jeder kennt diesen Punkt. Es macht klick und man beginnt nachzudenken. Peter Cornelius nennt das heute "über das Nachdenken nachzudenken". An-fangs ist dieses klick leise. Man schiebt die darauf folgenden Gedanken beiseite, aber muss sich ir-gendwann selbst eingestehen, dass man sie nicht mehr los wird. Bei Peter Cornelius hatte das klick die Bedeutung von: Erfolg ist nicht alles. Da ist Leben und dort der Cornelius. Zwei, die aneinander vorbei-zulaufen schienen.

Die Neunziger
Es war Zeit, bei der Musikmaschine die Handbremse anzuziehen. Zuerst leicht. das war 1988, als in München die Koffer gepackt wurden, um in Niederösterreich heimisch zu werden. In einer kleinen Wie-nerwaldgemeinde in unmittelbarer Nähe zur Hauptstadt Wien. Peter Cornelius hat zu Wien eine beson-dere Beziehung. Hier fühlt er sich wohl. Wieder zu Hause! Die Dynamik der die Karriere begleitenden Erscheinungen bremste sich leicht aber spürbar ein. Der Plattenvertragspartner änderte sich - Vorzeichen der heute grassierenden Merger-Mania: Er wurde schlichtweg verkauft. Die neue Firma brachte neue Ansprechpartner, neue Verpflichtungen, neue Plat-ten. was blieb, war das klick im Kopf, das lauter wurde. "Das Geschäft und seine Strukturen zertrampeln Illusionen im Kopf. Die kreative Naivität geht verloren", meint der Singer-Songwriter heute und legte 1993 endgültig den Leerlauf ein. Standgas war angesagt. Standgas - nicht Stillstand. Abgeklärtheit, was das Musikgeschäft betrifft, erlaubt Freiräume für bisher unentdecktes zu finden. "Seelische Entschla-ckung. Gelernt wieder im Augenblick zu leben", so Peter Cornelius, der zur Musik, besser zu seiner Musik in dieser Zeit einen anderen Zugang gefunden hat. Die Insel, die ihm soviel Erfolg gebracht hat, die hat der Wassermann gebraucht. das Sternzeichen birgt quasi ein Rückschwimmticket von derselben in sich und ist symptomatisch für die Jahre 1993 bis 2000. Peter Cornelius war nie weg. Wie auch, bei der Menge von ihm geschriebener und aufgenommener Titel, die sich im Mikrokosmos des deutschen Musikschaffens über all die Jahre angesammelt haben und nach wie vor ihre Kreise ziehen.

Das neue Millenium
Peter Cornelius hatte eine Ebene seines künstlerischen Lebens verlassen, um auf einer anderen im Herbst 2000 mit einer neuen CD wieder anzudocken. Neue Lieder wurden geschrieben. Songs, die sich auf einer CD wiederfanden, die den Titel "Lebenszeichen" trägt. Cornelius schreibt Lieder, ohne von dem Hintergedanken "wie kriege ich die Konsumenten dazu diese zu kaufen" getrieben zu werden. "Absichtsloser Spieltrieb" nennt er den Prozess wie die Titel entstehen und meint damit wohl, dass die einst verloren geglaubte kreative Naivität wieder zurückgekehrt ist. Aus der besungenen Insel ist der bewusst selbst erbremste persönliche Freiraum geworden, der Sensibilität und anderes herangehen an die Dinge erlaubt. Er kann es sich leisten, der Peter Cornelius. Die Zeiten der Beweisführung für jeden und alles sind vorbei. Ein guter Song ist ein guter Song. Das zählt. Glücklich der, der seine Lebenspa-rameter so Feintunen kann. Für einen kreativen Prozess ist das allemal das Beste. Jetzt hat Cornelius seinem "Absichtslosen Spieltrieb" wieder freien Lauf gelassen und eine weitere Perle deutschsprachiger Popmusik produziert. Mit "Schatten und Licht" kam im September 2003 wieder ein Highlight der deutschsprachigen Singer/Songwriter Szene auf den Markt. Das Besondere an dem letzen Studio-Album "Schatten und Licht" liegt in der atmosphärischen Dichte. Song für Song führen wie ein Puzzle zur musikalischen Einheit. Cornelius Ziel war es zu jeder Zeit seines Schaffens, gute Pop- und Rock-musik zu produzieren. Wobei Text und Musik immer eine Einheit darstellen sollen. "Ich bin kein Lieder-macher", so Cornelius. "Die Texte sind in jedem Fall wichtig, aber die Musik muss fesseln und Emotio-nen auslösen. Die Menschen leben heute immer mehr in einem Meer voller Künstlichkeiten. Ich mache mich auf die Suche nach der realen Welt."

Das Beste
Einen Querschnitt durch das Schaffen und einen Überblick über die musikalische und inhaltliche Ent-wicklung dieses genialen Songschreibers bietet nun das vorliegende "Best Of"–Album. Von "Reif für die Insel" bis "Schatten und Licht" ist auf diesem Tonträger alles vertreten, was diesen einzigartigen Künst-ler auszeichnet: Authentizität, songschreiberisches Können gepaart mit ungeheuerer Musikalität und nicht zuletzt einen wunderbaren kreativen Drang hin zum "Gegen den Strom schwimmen".

Quelle: Koch Universal Music